Figuren von Fabian W. Williges

Neben dem Wort ist der Ton als das erste Material kreativen Schaffens bekannt geworden. Im Alten Testament schafft Gott im ersten Schöpfungsbericht alles aus dem Wort. Im zweiten Schöpfungsbericht lesen wir dann, wie Gott den Menschen aus Lehm, Erde oder Staub formt und ihm danach eine Seele einhaucht.

[...] und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Nebel stieg auf von der Erde und feuchtete alles land. Da machte Gott der Herr den Menwschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

1. Mose 2, 5–7 (Luther 1984)

Nach einer Legende, die im apokryphen Kindheitsevangelium nach Thomas (ca. 200 n.Chr.) festgehalten wurde, betätigt sich Jesus als junger Schöpfer von zwölf Sperlingen aus Lehm. Der Wahrheitswert dieser Geschichte ist äußerst niedrig einzuschätzen. Aber Jesus wird uns hier als Sohn und somit Teil Gottes vorgestellt, der sein göttliches Alleinstellungsmerkmal postuliert: Kreation statt Reproduktion. Außerdem werden wir an die spätere Diskussion zur Sabbatheiligung erinnert.

Als dieser Knabe Jesus fünf Jahre alt war [...] bereitete [er] sich weichen Lehm und bildete daraus zwöf Sperlinge. Es war aber Sabbat, als er dies tat. Auch viele andere Kinder spielten mit ihm. Als nun ein Jude sah, was Jesus am Sabbat beim Spielen tat, ging er sogleich weg und meldete dessen Vater Joseph: Siehe dein Knabe ist am Bach, er hat Lehm genommen, zwölf Vögel gebildet und hat den Sabbat entweiht.

Als nun Joseph an den Ort gekommen war und es gesehen hatte, da herrschte er ihn an: Weshalb tust du am Sabbat, was man nicht tun darf? Jesus aber klatschte in die Hände und schrie den Sperlingen zu: Fort mit euch! Die Sperlinge öffneten ihre Flügel und flogen mit Geschrei davon. Als aber die Juden das sahen, staunten sie, gingen weg und erzählten ihren Ältesten, was sie Jesus hatten tun sehen.

Kindheitsevangelium nach Thomas 2, 1–5 (Edgar Hennecke 1971)

Gärtner Merkur Hirte

Auch jenseits der Bibel hat der Ton eine herausragende Stellung. Vor ca. 15.000 Jahren wurde Ton als Werkstoff für Keramik oder als Lehm im Häuserbau in verschiedenen Teilen der Welt gleichzeitig entdeckt. Seitdem ist er aus Industrie, Handwerk und Kunst nicht mehr wegzudenken.

Ton ist aber nicht nur alt und bedeutungsschwer. Ton ist auch ein Werkstoff, dem man sich sehr unkompliziert nähern kann. Ton ist niederschwellig. Das Ausprobieren von Formen, Versuch und Irrtum, aber auch schlicht das Kneten, der Umgang mit dem Material hat eine beruhigende Wirkung auf viele Menschen. Während der Marmor einen falschen oder auch nur unbedachten Schlag nicht verzeiht, erlaubt der Ton ein ständiges Nachbessern – bis man sich für den Brand entschieden hat...

Ich selbst arbeite in der Keramik-Werkstatt des WERK II am Connewitzer Kreuz. Der Keramikmeister Dirk Fischer leitet fachkundig an, gibt aber auch genug Raum zum Probieren. Weiterhin ist das Arbeitsklima unter den Teilnehmern in den Kursen sehr angenehm.